Artikel vom 12.02.2005
Auf Pilgerreise nach Santiago de Bröllin
Künstlerschmiede im Uecker-Randow-Kreis zeigt neue Projekte Von unserem Redaktionsmitglied Susanne Müller

Bröllin. Verschlafen und verlassen wirkt der kleine Ort zwischen Uecker und Randow. Nur eine Hand voll Dachdecker werkeln noch an den ehemaligen Stallgebäuden aus Feldstein. Im April aber erwacht Bröllin endgültig aus seinem Winterschlaf. Dann werden Künstler aus Großbritannien, China, den Niederlanden, Polen, Italien oder Kanada dem Gut Bröllin wieder Leben einhauchen. Katharina Husemann vom Verein „schloss bröllin“ ist stolz auf die internationale Besetzung ihrer Gästeliste. Die Künstler können die Ruhe und die Abgeschiedenheit der einstigen landwirtschaftlichen Produktionsstätte nutzen und nunmehr Kunst produzieren. Aus ihren Ideen entwickeln sie konkrete Konzepte. Diese Konzepte proben sie so ausgiebig, bis die Performance Perfektion gewinnt und zur Aufführung auf internationalen Bühnen und anderen Schauplätzen genügt. Die Präsentationen vor den Premieren ist allerdings wie eh und jeh den Bröllinern und Tagesausflüglern vorbehalten, verspricht Kulturmanagerin Katharina Husemann und nennt die Aufführung von „Grotest Maru“ am vierten Aprilwochenende als nächstliegenden Höhepunkt. Die Theatergruppe um Ursula Maria Berzborn nimmt ihre Zuschauer mit auf eine Pilgerreise durch die weite Landschaft nahe der polnischen Grenze. Ausgestattet mit Wanderstab und Stullenpaket erleben die Reisenden in Wald und Flur das Ergebnis einer Auseinandersetzung der Künstler mit der regionalen Geschichte im Mittelalter zu Zeiten der Pilgerreisen nach Santiago de Compostela. 2006 soll das im Vorjahr begonnene Projekt dann so ausgereift sein, dass unterschiedliche Performance-Stationen „Grotest Maru“ von Polen bis nach Santiago de Compostela führen. Während der Pfingstfeiertage heißt es wieder „kunst: offen“. Speicher, Bulenstall und Gutshaus sind dann vom Fremdenverkehrsverband Vorpommern initiierte offene Ateliers. Regionale Künstler wie Rolf Weißgerber, Angela Thiemann, Annya Deckenbach und Roland Kreuzer stellen dort ihre Arbeiten aus.

Fliegende Fische

Am 15. Juli zeigen etwa 60 Jugendliche aus fünf Nationen auf dem Pasewalker Marktplatz was sie sich bei einem vorangegangenen Theater-Workshop erarbeitet haben. Im vergangenen Jahr konnten sich beinahe 300 jugendliche Zuschauer für ein ähnliches Projekt begeistern, erinnert sich Theaterpädagogin Christine Lauenstein und hofft für diesen Sommer auf vergleichbare Resonanz. Damals hieß es dann schon: „Pasewalk liegt bei Bröllin.“ Nicht umgekehrt. Diese Feststellung geben Katharina Husemann und Christine Lauenstein nicht ohne Stolz weiter. Im August fliegen die Fische, tanzen die Puppen und lachen die Clowns auf Schloss Bröllin (5. August). Die deutsche Truppe „fliegende fische“ aus Schauspielern, Musikern, Jongleuren, Puppenspielern und Akrobaten stellt ihr Improvisationstheater vor. „Graspiloten“ werden sich im September in der Landschaft orientieren, sie fragen sich, was macht die Kunst mit dem Ort, was macht der Ort mit der Kunst. In einem interdisziplinären Austauschprojekt arbeiten Künstler unterschiedlicher Genres Geschichte und Geschichten, soziale und gesellschaftliche Zusammenhänge der Region auf. Eine solche Kreativschmiede wie der Schloss-Verein hat immer auch mit einem Spinner-Image zu kämpfen – aufgeworfen nicht zuletzt von jenen, die selbst gern einen Teil der dem Verein gewährten Fördergelder abbekommen hätten. 90 000 Euro gab schließlich allein der Bund im vergangenen Jahr dem „Forschungszentrum für interdisziplinäre Kunst“ – so die Bezeichnung „schloss bröllins“ in einer Selbstdarstellung. Hinzu kommen Landesmittel, Geld vom Kreis und die Unterstützungen diverser Träger, Fonds und Stiftungen. Doch Kulturmanagerin Katharina Husemann weiß diesen Vorwürfen entgegenzutreten. Denn welche Projekte realisisert werden, entscheiden nicht die „Brölliner Spinner“ allein. In einem künstlerischen Beirat, bestehend aus Sven Till, dem künstlerischen Leiter des Potsdamer Theaters „fabrik“, Sahra Ross vom Berliner „theaterdiscounter“ und dem Theaterwissenschaftler Tom Mustroph wählen die Vereinsmitglieder aus der Fülle der Bewerber aus.

© Nordkurier.de am 12.02.2005

Nordkurier - Pasewalker Zeitung
Artikel vom 03.03.2005

„Wollen keine Kultur-Insel sein“

Begegnungsstätte im Gutshaus Bröllin soll im Sommer Premiere haben Bröllin (ni). Gebäude und Skulpturen auf dem Kulturgut Bröllin sind in eine dicke Schneedecke gehüllt. Fast bizarr erscheint so manches Detail und kündet von frischem Wind. Nicht nur dass es einen neuen Vorstand gibt (der Nordkurier berichtete), auch die Ideen sind kühner geworden. „Neben der bisherigen Arbeit, insbesondere mit den experimentellen Künsten, setzen wir zusätzlich auf einen Aktiv-Kultur-Tourismus“, informiert Karl H. Husemann, Chef des Vereines Schloss Bröllin. Nicht dass auf dem Kulturgut nur Touristen ihren Urlaub verbringen sollen, auch die Künstler sollen sich auf dem Hof wohlfühlen und Neues produzieren können. Durch das Dasein der internationalen Künstlerschar wird auch das kulturelle Angebot in der Region größer. „Während eines Treffens mit Vizelandrat Arnim Beduhn (CDU) und Pasewalks Bürgermeister Rainer Dambach (parteilos) haben wir diese Dinge alle besprochen“, zeigt Husemann auf. Da wäre zum Beispiel die Kunstaktion unter dem Pasewalker Marktsegel oder der Kunstgarten an der Uecker, wo sich die Brölliner mit einbringen wollen. „Wir wollen als Kulturgut keinesfalls eine Insel oder Exoten sein“, so Husemann. Um sich noch mehr auch für die Region zu öffnen , werden ehrenamtliche Helfer gesucht, die bei der Vorbereitung von öffentlichen Veranstaltungen in Bröllin und anderen Aktion helfen. „Wer sich für die Kultur der Region in seiner Freizeit engagiert, der ist auch gleichzeitig ein Multiplikator“, ist der Vereinschef überzeugt. Außerdem würden sich die Vereinsmitglieder freuen, wenn Bewohner des Ortes bei ihnen vorbeischauen würden, um überlieferte Sagen und Geschichten zu erzählen. „Einige Künstler würden diese bestimmt aufgreifen, um daraus eine Performance oder ein Theaterstück zu gestalten“, ist Husemann überzeugt. Eine erste Kostprobe davon wird es geben, wenn die Stelzen-Künstler „Grotest Maru“ zum deutsch-polnischen Festival vom 22. bis 24. April in Bröllin gastieren werden. In ihrer neuen Produktion wurden nämlich schon regionale Legenden aufgearbeitet. Mit der Fertigstellung des deutsch-polnischen Kulturzentrums im Sommer wird der Ort Bröllin noch mehr in den Mittelpunkt der Öffentlichkeit rücken. Der Verein ist dabei auch diese neue Herausforderung gut vorzubereiten. „Wir suchen noch einen schönen Namen für das Kulturzentrum“, gibt Husemann an die Leser der PAZ weiter. Gegenwärtig helfen drei Ein-Euro-Jober auf dem Hof und bei Arbeiten im Park. Drei weitere Mitarbeiter über den zweiten Arbeitsmarkt im Bereich der Hauswirtschaft, der Arbeit mit der Jugend und im Projektmanagement werden ebenfalls in den nächsten Monaten ihre Arbeit aufnehmen. Für die Koordination der gesamten Arbeit auf dem Kulturgut ist ein Geschäftsführer vorgesehen. Von den 30 Bewerbern hat der Verein schon zwei für die engere Auswahl nominiert.

© Nordkurier.de am 03.03.2005